Gundolf S. Freyermuth
'Sex Degrees of Separation, oder: Kann denn Liebe Seuche sein?'
Kommunikative Konsequenzen zivilisatorischer Vernetzung
Samstag, 25. März 2006, 17.00 - 17.30 Uhr
Wo ein Wille ist, muss ein Weg sich keinesfalls finden. Und umgekehrt: Was nicht sein
soll, geschieht bisweilen unaufhaltsam. Denn zwischenmenschlicher Verkehr, den
Einzelne erstreben oder zu verhindern suchen, ist den Netzwerken, die je zur Verfügung
stehen, vorgängig als Potenzial einbeschrieben. Was topologisch gesetzt ist, kann
individuelles Handeln in relativer Selbstbestimmung realisieren; nicht mehr, aber auch
nicht weniger: Das ist die zentrale Einsicht, die aufklärerisch - in Eulers Lösung des
Königsberger Brückenproblems – die wissenschaftliche Netzwerk-Theorie fundierte.
Seitdem schritt zivilisatorische Vernetzung in sukzessiven Schüben von ihren analog-
manuellen Ursprüngen zu analog-automatisierten und schließlich digital-virtuali-sierten
Transport- und Kommunikationsverfahren fort. Jede dieser Basisinnovationen steigerte
kategorial die Möglichkeiten, zuvor unerreichbare Partner zu entdecken, mit ihnen
medial zu kommunizieren und auch schließlich ihnen physisch zu begegnen.
Die Präsentation skizziert diese Eskalation zivilisatorischer Vernetzung und illustriert
deren soziokulturelle Erfahrung mittels zeitgenössischer Schreckvisionen und
Angstlustfiktionen, die imaginierte oder reale Gefahren medialer Vermittlung gerade bei
der Anbahnung erotisch-sexueller Kontakte inszenieren. Im Zentrum steht dabei der
durch technische Vernetzung induzierte raumzeitliche Wandel geschlechtlicher
Kommunikation, des Austauschs von Reizen und Gefühlen, Wissen, Viren und Genen.
Den vorläufigen Endpunkt bilden kommunikationspraktisch Varianten virtuell-
transmedialer Vernetzung, kommunikationswissenschaftlich die Kleine-Welt-Theorie(n).
Von deren fortgeschrittener Beobachtungsposition aus wird abschließend ein Ausblick
über die Gegenwart hinaus in die nahe Zukunft der Partnerfindung versucht. Prof. Dr. Gundolf S. Freyermuth, geb. 1955, lehrt Ästhetik und Kommunikation an der
Internationalen Filmschule Köln. – Werdegang: Studium der Literaturwissenschaft,
wissenschaftlicher Assistent an der FU Berlin, Promotion zur Digitalisierung von Kunst
und Unterhaltung. Berufstätigkeit u. a.: Redakteur TransAtlantik, Reporter stern,
Chefreporter Tempo. In den neunziger Jahren Fachautor für digitale Medien und Kultur
in den USA. Autor von neun Sachbüchern, darunter Cyberland (Rowohlt: Berlin 1996)
und Kommunikette 2.0 (Heise: Hannover, 2002), sowie drei Romanen. – Aktuelle
Projekte: Vorbereitung der elektronisch-transmedialen Publikation einer
Kulturgeschichte der Digitalisierung, Forschung zur Theorie und Geschichte medialer
Vernetzung.
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