Wolfgang Müller-Funk
Eröffnungsvortrag: Zwischen uns.
Körper und Kommunikation im Zeitalter der digitalen Reproduzierbarkeit
Donnerstag, 23. März 2006, 20:00
Eröffnungsvortrag in der ARGEkultur
Im Unterschied zu technischen und semiotischen Medientheorien stellt sich eine kulturelle Anthropologie die Frage nach den Bedingungen der Möglichkeit und den soziokulturellen Folgen medialer Externalisierung menschlicher Kommunikation, d.h. des Austauschs von Mensachen und menschlichen Belangen; intime wie >öffentliche<. Kommunikation ist – und viele Phänomene noch in der technischen Kommunikation erinnern daran - traditionell als körperlich gedacht. Aber schon ein Medium wie die Schrift (Brief) ermöglicht eine überaus paradoxe Präsenz durch Absenz. Eine historische Anthropologie der Medien verfährt reziprok: Gegenwart und Geschichte beleuchten sich dabei wechselweise. Auf der einen Seite überträgt sie den media turn auf historische Epochen und analysiert deren spezifische Formen von Medialität und Inszenierung, auf der anderen Seite macht sie jenseits der Vorstellung von einer harmonischen Mensch- Maschine Kommunikation oder radikal kulturkritischen Entfremdungstheorien - die fortdauernden >menschlichen> Effekte und Defekte deutlich, die noch in die modernsten Medien eingeschrieben sind. Medien modellieren, formatieren und variieren raum- zeitliche Konstellationen, damit aber auch die Bedingungen von Nähe und Distanz, damit z B. die Formen von Inszenierung, von Selbstdarstellung, Begehren, von Mitteilung, von Erzählen, von Anonymität und persönlichem >Treffen<. Eine These könnte lauten, dass die digitale Reproduktion von Information und Kommunikation zur Luxurierung von persönlicher Begegnung führt und zum exklusiven „Wert“ im Sinne Simmels wird. Eine andere Frage läuft darauf hinaus, sich die nicht- technischen Störfaktoren digitaler Kommunikation zu vergegenwärtigen. Interessant am medialen Wandel sind auch die kulturellen Verschiebungen informativer, kommunikativer und expressiver Medien.
Wolfgang Müller- Funk, Prof. Dr., Kultur- und Literaturtheoretiker, war Professor für German Cultural Studies an der Univ. Birmingham/UK, lehrt derzeit u.a. an der Univ. Wien. Publikationen: Erfahrung und Experiment ( 1995) ( Hg. zus. mit Hans Ulrich Reck), Inszenierte Imagination ( 1996), Junos Pfau (1999), Die Kultur und ihre Narrative ( 2002), (Hg., zus. mit Cornelia Klinger), Das Jahrhundert der Avantgarden ( 2004), Niemand zu Hause ( 2005).
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